Das EU-Paket zur technologischen Souveränität gibt neue Richtung für die Digital-Wirtschaft vor
Veröffentlicht am 29th Juni 2026
Vier Vorschläge sollen die Abhängigkeit von außereuropäischen digitalen Anbietern verringern und haben weitreichende Auswirkungen auf Technologieunternehmen
Auf einen Blick
Die EU ist bei mehr als 80 % ihrer digitalen Produkte, Dienste und Infrastruktur von außereuropäischen Anbietern abhängig; das Paket ist eine direkte Reaktion darauf.
Die vier Initiativen umfassen die Bereiche Halbleiter, Cloud-Computing, künstliche Intelligenz und Open-Source-Software; eine Verabschiedung ist voraussichtlich nicht vor Ende 2027 zu erwarten.
Unternehmen aus den Bereichen Technologie, Energie und öffentliches Beschaffungswesen sehen sich mit wesentlichen Veränderungen hinsichtlich der Steuerung der Lieferketten und der Anforderungen an die digitale Compliance konfrontiert.
Die Europäische Kommission will der wachsenden technologischen Abhängigkeit der EU von außereuropäischen Anbietern entgegenwirken, und hat am 3. Juni 2026 ein Maßnahmenpaket veröffentlicht, dessen Schwerpunkt auf den europäischen Kapazitäten in den Bereichen Halbleiter, künstliche Intelligenz (KI), Cloud-Computing und Open-Source-Software liegt. Das Paket zur technologischen Souveränität Europas markiert nach Aussagen der Kommission einen entscheidenden Wandel im technologischen Ansatz der EU, der Abhängigkeiten durch den Aufbau eigener Kapazitäten verringern und die Kontrolle über kritische Technologien und die digitale Infrastruktur stärken soll.
Die EU ist derzeit bei mehr als 80 % ihrer digitalen Produkte, Dienstleistungen, Infrastruktur und ihres geistigen Eigentums strukturell von Anbietern außerhalb der EU abhängig. Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen und unter Druck stehender Lieferketten ist die EU bestrebt, technologische Abhängigkeiten in kritischen Sektoren zu verringern, um ihre wirtschaftliche Stärke, Sicherheit und langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu wahren.
Das Paket umfasst vier Initiativen: die Chip-Verordnung 2.0, die Verordnung zur Cloud- und KI-Entwicklung (auf Englisch „Cloud and AI Development Act“, kurz: CADA), die Open-Source-Strategie sowie einen strategischen Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiebereich. Zusammen sollen sie die kommerzielle Technologielandschaft in den kommenden Jahren grundlegend verändern, insbesondere in den Bereichen Beschaffung, Wettbewerb und Marktzugang.
Das Paket durchläuft nun den Gesetzgebungsprozess zur Prüfung durch das Europäische Parlament und den Rat. Da umfangreiche Verhandlungen zu erwarten sind, ist eine Verabschiedung vor Ende 2027 unwahrscheinlich.
Chip-Verordnung 2.0
Halbleiter sind nach Öl und Fahrzeugen das am dritthäufigsten gehandelte Produkt weltweit. Der Markt wurde im Jahr 2025 auf rund EUR 595 Milliarden geschätzt und wird bis 2030 voraussichtlich die Marke von EUR 1 Billion überschreiten, wobei KI-bezogene Komponenten über 70 % des globalen Halbleitermarktes ausmachen werden. Die ursprüngliche Chip-Verordnung hat öffentliche und private Investitionszusagen in Höhe von rund EUR 80 Milliarden für das europäische Halbleiter-Ökosystem generiert; dennoch produziert die EU nur etwa 10 % der weltweiten Halbleiter. Sie ist nach wie vor stark von den USA und Ostasien abhängig, was ausgereifte und fortschrittliche Strukturgrößen – einschließlich KI-Chips – betrifft, die für zentrale europäische Industrieökosysteme zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Die Chip-Verordnung 2.0 befasst sich mit diesen Schwachstellen sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite der Wertschöpfungskette. Sie zielt darauf ab, die Rahmenbedingungen für Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, die Nachfrage nach europäischen Chips anzukurbeln, den Kapazitätsaufbau entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu stärken und die Resilienz der Halbleiter-Wertschöpfungskette zu erhöhen.
Auf der Angebotsseite sieht die Chip-Verordnung 2.0 einen offenen EU-Fertigungsbetrieb für die fortschrittliche Halbleiterfertigung vor, um KI-Chips und andere Halbleiter mit einer Strukturbreite von 3 Nanometern (nm) und darunter herzustellen. Dies wäre die erste EU-Halbleiterfabrik, die die Fertigung von Chips mit modernsten Strukturbreiten und Chiplet-Integration und 3D-Verpackung kombiniert; eine Pilotproduktion ist für den Zeitraum 2030–2033 vorgesehen.
Auf der Demand-Seite wird sich die Nachfrage nach europäischen Halbleitern bis 2040 in den Bereichen Unterhaltungselektronik, Automobilindustrie, Energie und Rechenzentren voraussichtlich verdoppeln. Es wird erwartet, dass die Nachfrage über alle Strukturbreiten hinweg zunimmt, insbesondere jedoch bei Strukturbreiten unter 16 nm, was auf KI- und fortschrittliche Logiktechnologien zurückzuführen ist. Die Verordnung zielt darauf ab, die Nachfrage nach leistungsstarken KI-Chips zu fördern, indem KI-Infrastrukturen – darunter KI-Fabriken, KI-Gigafabriken und cloudbezogene Maßnahmen im Rahmen der CADA – genutzt werden.
Mithilfe von Nachfragebeschleunigern wird die Chip-Verordnung 2.0 die Nachfrage nach in der EU entwickelten und in der EU hergestellten Chips über ein zentrales Forum und die öffentliche Beschaffung fördern, um EU-Halbleitertechnologien voranzutreiben.
Die Chip-Verordnung 2.0 enthält zudem Bestimmungen, die sicherstellen, dass sich Halbleitertechnologieanlagen und strategische Projekte für eine beschleunigte Umweltgenehmigung im Rahmen der EU-Regelungen für beschleunigte Genehmigungsverfahren qualifizieren. Die Kommission erarbeitet außerdem bis zum zweiten Quartal 2027 einen EU-Leitfaden für das Krisenmanagement im Halbleiterbereich.
Verordnung zur Cloud- und KI-Entwicklung
Der Marktanteil der EU-Cloud-Anbieter ist von 29 % im Jahr 2017 auf derzeit 15 % stark zurückgegangen, während der Rest des Marktes von drei US-amerikanischen „Hyperscaler"-Anbietern von Cloud-Infrastruktur kontrolliert wird. Die CADA zielt darauf ab, das Gleichgewicht wiederherzustellen, damit Europa nicht von Cloud-Dienstleistern außerhalb der EU abhängig ist und eine nachhaltige Cloud- und Rechenzentrumsinfrastruktur aufbauen kann.
Die CADA ist ein zentraler Bestandteil des Aktionsplans der Kommission für den KI-Kontinent. Sie zielt darauf ab, die Rechenzentrumskapazität in Europa in den nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen und sicherzustellen, dass die EU bis 2035 über die erforderlichen Kapazitäten zur Deckung ihres Bedarfs verfügt, wobei hohe Nachhaltigkeitsstandards und eine ausgewogene Verteilung auf die Mitgliedstaaten gewährleistet werden sollen. Zudem soll die „Apply AI"-Strategie gestärkt werden, um die Einführung von KI-Lösungen voranzutreiben.
Die CADA schafft einen EU-weiten Rahmen für digitale Autonomie im Cloud- und KI-Bereich für Cloud-Computing-Dienste, der vier Souveränitätssicherungsstufen umfasst. Diese Stufen werden durch Kriterien definiert, die sich auf die Kontrolle über die Dienst- und Software-Lieferkette, die Verarbeitung von KI-Inferenzdaten, den Standort der Infrastruktur, der Anlagen und des Personals sowie das Niveau der Cybersicherheit beziehen. Die Mitgliedstaaten und die Einrichtungen der Union müssen eine Souveränitäts-Risikobewertung durchführen, um zu ermitteln, welche Sicherheitsstufe für den jeweiligen Anwendungsfall erforderlich ist. Damit soll das beseitigt werden, was die Kommission als „Sovereignty Washing" bezeichnet: die Praxis, dass Anbieter nicht überprüfbare Behauptungen über die Souveränität oder Sicherheit ihrer Dienste aufstellen, ohne dass eine standardisierte Definition oder ein Rahmen vorhanden ist, anhand derer diese geprüft werden könnten.
Strategischen Fahrplan im Energiebereich
Der Ausbau der digitalen Infrastruktur innerhalb der gesamten EU lässt den Strombedarf steigen und erhöht den Druck auf Dekarbonisierungsinitiativen, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit, den Zugang zu Stromnetzen sowie die Haushaltsbudgets. Der Strategischen Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiebereich zielt darauf ab, diese Herausforderungen anzugehen, und legt dar, wie KI und andere digitale Lösungen die nachhaltige Integration der digitalen Infrastruktur in das gesamte Energiesystem gewährleisten und die Energieeffizienz fördern können.
Der Fahrplan umfasst drei Bereiche. Er befasst sich mit der nachhaltigen Integration von Rechenzentren in das Energiesystem: Diese machen derzeit 2,5 % des Stromverbrauchs in der EU aus, und ein Anstieg des Bedarfs wird erwartet. Der Fahrplan treibt die Beschleunigung digitaler und KI-basierter Lösungen im Energiesystem voran, wobei der Schwerpunkt auf intelligenten Netzen, intelligentem Messwesen, KI-basiertem Netzmanagement und -prognosen sowie der Entwicklung souveräner KI-Modelle für den Energiesektor liegt. Schließlich schafft der Fahrplan einen umfassenden Rahmen für den grenzüberschreitenden Datenaustausch, um den EU-weiten Austausch von Energiedaten zu stärken.
Der Fahrplan Strategischen Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiebereich umfasst einen delegierten Rechtsakt über ein EU-weites Bewertungssystem, der ursprünglich am 3. Juni verabschiedet werden sollte, sich jedoch aufgrund umfangreicher Kritik seitens der Industrie verzögerte. Dieser Rechtsakt zielt darauf ab, „Greenwashing" im Datensektor zu bekämpfen, indem die Transparenz hinsichtlich der Umweltleistung erhöht und eine nachhaltige, EU-weite digitale Infrastruktur gefördert wird.
Der Fahrplan wird zudem die Entwicklung souveräner und sicherer KI-Modelle für den Energiesektor unterstützen, die auf der Grundlage europäischer Daten trainiert und von europäischen Unternehmen entwickelt werden. Durch die Vereinfachung des grenzüberschreitenden Austauschs von Energiedaten soll die Einführung intelligenter Energiedienstleistungen und eine größere Flexibilität gewährleistet werden.
Open-Source-Strategie
Open-Source-Software, also Software, deren Quellcode unter Lizenzen öffentlich zugänglich und deren Lizenzbedingungen die freie Modifikation und Weitergabe erlauben, bildet heute die Grundlage der weltweiten digitalen Infrastruktur, einschließlich Webplattformen und KI-Systemen.
Die Kommission berichtet, dass die EU derzeit jährlich EUR 264 Milliarden vorwiegend für proprietäre IT-Produkte und -Dienstleistungen aus den USA ausgibt, wodurch Abhängigkeiten entstehen. Diese Abhängigkeiten beeinträchtigen die Möglichkeiten der EU, wichtige digitale Infrastrukturen zu kontrollieren, Lock-in-Risiken zu verringern sowie Sicherheit und Compliance zu gewährleisten. Obwohl die EU bereits über starke Open-Source-Kompetenzen verfügt, steht sie vor mehreren Herausforderungen – darunter ein Mangel an nachhaltiger Finanzierung in den frühen Projektphasen, Unsicherheiten hinsichtlich Wartung und Sicherheit sowie Schwierigkeiten beim Zugang zu Kapital und Hindernisse bei der öffentlichen Auftragsvergabe.
Aufbauend auf bestehenden Rechtsvorschriften und politischen Maßnahmen legt die Open-Source-Strategie vier Ziele fest: die Nutzung von Open Source zur Stärkung der technologischen Souveränität; die Stärkung und Förderung eines dynamischen Open-Source-Ökosystems; die Förderung offener und interoperabler digitaler Ökosysteme für öffentliche Verwaltungen, einschließlich der EU-Institutionen; sowie die Stärkung digitaler Standards und der internationalen Zusammenarbeit.
Die Open-Source-Strategie birgt eine gewisse Ironie. Ein Großteil dessen, was die Kommission skizziert – darunter Stewardship-Toolkits, Sicherheitszertifizierungssysteme, Abhängigkeitslisten und Governance-Rahmenwerke –, soll helfen, die regulatorische Last zu bewältigen, welche die EU überhaupt erst selbst geschaffen hat. Wieder einmal lautet die Antwort auf eine Regulierung, die europäische IT-Unternehmen hinter die ausländische Konkurrenz zurückfallen ließ, noch mehr Regulierung. Die Open-Source-Strategie ist an sich „Soft Law": Sie verspricht, zu „mobilisieren“, zu „fördern“, „auszuweiten“ und zu „stärken“, schafft jedoch nahezu keine verbindlichen Verpflichtungen. Der Hebel, der den Markt tatsächlich bewegen könnte, ist das öffentliche Beschaffungswesen, das in der CADA und in der bevorstehenden Überarbeitung der EU-Vergabevorschriften geregelt ist – nicht in der Open-Source-Strategie.
Ein Fortschritt in der EU-Digitalpolitik
Das Paket stellt potenziell eine der bedeutendsten Entwicklungen in der EU-Digitalpolitik seit den grundlegenden Rechtsrahmen des letzten Jahrzehnts dar, darunter die Datenschutz-Grundverordnung, der Digital Markets Act, der Digital Services Act und der AI Act. Für Unternehmen dürften Änderungen in Bezug auf Vergaberegeln, Souveränitätsrahmen, Open-Source-Vorgaben und neue Cybersicherheitsstandards die Art und Weise neu gestalten, wie digitale Produkte und Dienstleistungen auf dem EU-Markt entwickelt, beschafft und reguliert werden.
Angesichts des Schwerpunkts auf der Verringerung strategischer Abhängigkeiten und der verstärkten Nutzung europäischer Technologien müssen Unternehmen, die EU-Institutionen, Einrichtungen des öffentlichen Sektors und Betreiber kritischer Infrastrukturen beliefern, mit steigenden Anforderungen hinsichtlich EU-basierter Kontrollstrukturen, Transparenz in der Lieferkette, EU-Datengouvernanz und Resilienz gegenüber ausländischer Einmischung rechnen.
Insbesondere die Open-Source-Strategie hat eine Reihe praktischer und strategischer Auswirkungen auf Unternehmen. Da Open Source ein strategischer Wegbereiter für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ist, zielt die Strategie darauf ab, Markteintrittsbarrieren zu senken, Abhängigkeiten zu verringern und die Wiederverwendung digitaler Bausteine zu fördern, um Unternehmen bei der Senkung ihrer Produktionskosten zu unterstützen. Zudem soll die sogenannte Anbieterabhängigkeit – bei der Kunden für Produkte und Dienstleistungen von einem einzigen Anbieter abhängig sind – verringert werden, um Unternehmen mehr Auswahlmöglichkeiten zu bieten und kooperative Innovationen zu fördern.
KMU, die Open-Source-Anbieter sind, werden in EU-Beschaffungsverfahren häufig benachteiligt, da die Spezifikationen in einzelnen Ausschreibungen in der Regel auf die Merkmale proprietärer Anbieter zugeschnitten sind, was häufig die Anbieterabhängigkeit begünstigt. Die Open-Source-Strategie fördert gemeinsam mit der CADA das Prinzip „Open Source First" bei der Softwarebeschaffung im öffentlichen Sektor und enthält Leitlinien sowie bewährte Verfahren für die Ausarbeitung von Ausschreibungen, die es Open-Source-Lösungen ermöglichen, mit proprietären Alternativen zu konkurrieren.
Die Open-Source-Strategie sieht zudem Maßnahmen zur Unterstützung von Open-Source-Unternehmen, insbesondere Start-ups, vor, um deren Wachstum zu fördern – durch die Förderung der Einführung im öffentlichen und privaten Sektor sowie den Zugang zu praktischen Instrumenten wie Schulungen, Rechts- und Lizenzberatung und Mentoring.
Die Kommission wird sich außerdem dafür einsetzen, die Entwicklung freiwilliger Sicherheitszertifizierungsprogramme im Rahmen des Cyber Resilience Acts zu beschleunigen und einen freiwilligen EU-Bewertungsrahmen für Open Source zu schaffen, der die Konformität souveräner Lösungen mit den wichtigsten EU-Sicherheitsvorschriften abdeckt. Mit Unterstützung der Agentur der Europäischen Union für Cybersicherheit (ENISA) wird sie zudem eine Liste der am stärksten gefährdeten Abhängigkeiten von Open-Source-Software und -Infrastruktur erstellen.
Das European Business Wallet und das EU Digital Identity Wallet, die auf Open-Source-Lösungen basieren, dürften die Nachfrage nach deren Kerntechnologien steigern. Unternehmen, die Produkte oder Dienstleistungen auf dieser Grundlage entwickeln, werden in diesem wirtschaftlichen Umfeld davon profitieren.
Unsere Einschätzung
Da eine Umsetzung vor Ende 2027 unwahrscheinlich ist, gibt die verbleibende Zeit Unternehmen Gelegenheit, ihre Risiken entsprechend zu bewerten und vorausschauend zu handeln. Für diejenigen, die auf Cloud-Dienstleister außerhalb der EU angewiesen sind, dürfte es sich lohnen, bestehende vertragliche Vereinbarungen im Lichte des Souveränitätssicherungsrahmens der CADA zu prüfen: Die vierstufige Klassifizierung könnte eine Migration auf EU-konforme Infrastruktur oder die Neuverhandlung von Service-Level-Vereinbarungen erfordern.
Unternehmen aus den Bereichen Halbleiter, Automotive und Energie könnten davon profitieren, die Entwicklung des EU-Leitfadens für das Krisenmanagement im Halbleiterbereich zu verfolgen und die potenziellen Auswirkungen auf ihre Berichtspflichten sowie Diversifizierungsverpflichtungen in der Lieferkette zu bewerten. Betreiber von Rechenzentren können mit erhöhten Anforderungen an Transparenz und Nachhaltigkeit im Rahmen der bevorstehenden delegierten Verordnung zur Umweltleistung rechnen.
Für Unternehmen, die mit Open-Source-Software arbeiten oder sich im Bereich der technologischen Souveränität positionieren, verdienen bereits jetzt einige Punkte besondere Beachtung:
- CADA und die Lieferkette: Die CADA reicht über ihre Adressaten im öffentlichen Sektor hinaus. Das von einer Behörde beschaffte Souveränitätssicherungsniveau wirkt sich entlang der Vertragskette auf Lieferanten und Integratoren aus. Open-Source-Unternehmen in dieser Kette sollten die Stufen bereits heute als künftige Beschaffungsanforderungen betrachten und nicht erst nach 2027.
- „Sovereign Washing" wird zu einem Prozessrisiko: Der vierstufige Souveränitätssicherungsrahmen macht „Souveränität" zu einem überprüfbaren Standard. Anbieter, die ein Niveau beanspruchen, das sie nicht belegen können, müssen mit Vorwürfen wegen irreführender Werbung und einem möglichen Ausschluss von Ausschreibungen rechnen.
- Das Stewardship-Toolkit – ein Schritt nach dem anderen: Das Stewardship-Toolkit listet die rechtlichen Rahmenbedingungen an erster Stelle und Geschäftsmodelle an letzter Stelle auf. Die eigentliche Eintrittsbarriere ist rechtlicher und struktureller Natur, nicht technischer. Rechtliche und Governance-Fragen vor der Gründung oder Umstrukturierung einer Foundation zu klären, ist ein sinnvoller erster Schritt in Richtung digitale Autonomie.
- Ausschreibungsbereitschaft: Anbieter können ihre Angebote auf offene Standards und die nicht preisbezogenen Vergabekriterien der CADA ausrichten. Öffentliche Stellen werden Ausschreibungen anstreben, die souveränen Lösungen und Open-Source-Alternativen tatsächlich ermöglichen, im Wettbewerb zu bestehen.
- Kartellrechtliche Strukturierung: Die Zusammenarbeit mit Wettbewerbern wirft kartellrechtliche Fragen auf. Die industriellen Open-Source-Plattformen, die die Open-Source-Strategie in Branchen wie der Automobil- und Eisenbahnindustrie fördert, haben wettbewerbsrechtliche Auswirkungen und erfordern eine sorgfältige Strukturierung, um die Vorschriften einzuhalten.