Interview mit Dr. Notker Wolf OBS

Written on 18 Nov 2019

Wir Menschen müssen uns in einer immer digitaleren Welt laufend neuen Herausforderungen stellen und sich mit den ergebenden Veränderungen umgehen. Dies betrifft unser gesamtes Zusammenleben, Wohnen und Arbeiten. Im Rahmen der Expo Real möchten wir Ihnen anhand einer Interviewreihe Wechselwirkungen zwischen (Zusammen-)Leben und Digitalisierung aufzeigen und Ihnen so die Möglichkeit eines Perspektivwechsels geben.
Wir haben in unserer Interviewreihe einen Fokus auf die Wechselwirkung zwischen einerseits Kunst und Architektur und andererseits der Digitalisierung gelegt. Mit diesem Interview möchten wir die Diskussion um einen weiteren Aspekt bereichern, nämlich einer ethisch-religiösen Sicht. Hierzu konnten wir mit Herrn Notker Wolf ein Interview führen. Herr Notker Wolf studierte Theologie, Philosophie sowie Zoologie, Anorganische Chemie und Astronomiegeschichte. 1968 empfing er die Priesterweihe und erhielt 1971 einen Ruf auf die Professur für Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an die Päpstliche Hochschule Sant’Anselmo in Rom. Von 1977-2000 war er Erzabt von St. Ottilien, von 2000 bis 2016 als Abtprimas der oberste Repräsentant des Benediktinerordens.

Die digitale Transformation der Gesellschaft ist in aller Munde: Hat die Digitalisierung auch einen Einfluss auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen den Menschen?

Die Digitalisierung als Transformation von analogen Daten in digitale Formate ist an sich wertfrei, ein Hilfsmittel. Für die rasche Kommunikation und Vernetzung unter Menschen (und Maschinen) eröffnet die Digitalisierung enorme Möglichkeiten. Facebook wirbt immer wieder mit der Bildung von Freundschaften. Jemand teilte mir mit, er habe jetzt 592 Facebook-Freunde und finde deshalb kaum Zeit, mir weitere Mails zu schreiben. Ich habe ihm noch ein paar hundert Freunde dazugewünscht. Zur Freundschaft gehören Begegnungen, Telefonate und Briefe. Freundschaft entsteht und wächst in realen Begegnungen zwischen Menschen. Mark Zuckerberg musste inzwischen zugestehen, dass die Daten von Facebook obendrein nicht genügend sicher seien und von ganz anderen Interessen als dem gesellschaftlichen Zusammenhalt abgegriffen und angegriffen würden. Ähnliches lässt sich von den andern Online-Unternehmen sagen.

 

„Selbst wenn ich die beste Stereoanlage habe, sie kann ein Live-Konzert einer Rockband im Olympiastadion in München nicht ersetzen. Kirchen, Synagogen und Moscheen gehören dorthin, wo die Menschen wohnen.”

 

Was hat sich durch die Digitalisierung verändert? Mit welchen Angeboten kann Kirche die Menschen erreichen?

Der Papst twittert, wenngleich weniger als Präsident Trump; demnächst wird der Streamingdienst „VatiVision“ mit dezidiert christlichem Programm starten und Serien, Filme und Dokumentarfilme anbieten. Die Gottesdienste werden längst übertragen, bei Großveranstaltungen ermöglichen große Bildschirme die Beteiligung auch einer größeren Zahl. Die Diözesen haben ihre Websites, unsere benediktinischen Abteien und Vereinigungen ebenfalls, so beispielsweise die Internationale Kommission für Benediktinerschulen. Wichtig ist dabei die kontinuierliche Pflege. So hat die Abtei Königsmünster für den Weltmissionssonntag am 20. Oktober 2019 aufgerufen, sich der weltweiten Aktion von Missio anzuschließen und unter dem Hashtag #mymission kurze Missionsstatements zu veröffentlichen und einen Instawalk durch Fotos auf Instagram zu teilen. Die Kirche ist offen für die modernen Medien.

Wie verändert Digitalisierung die Kommunikation zwischen den Menschen und die Verkündung des Wortes Gottes?

Die Botschaft kann heute bis in die hintersten Winkel dringen. Unsere Nonnen- und Männerkonvente im Afrikanischen Busch oder in unzugänglichen Gegenden in Lateinamerika machen Onlinekurse mit Universitäten in verschiedenen Ländern. Der Onlinekurs über Liturgie an der Benediktineruniversität S. Anselmo in Rom wird weltweit genutzt. Über die sozialen Medien gelangt die Botschaft vor allem an Jugendliche.

Gemeinschaft und Gottesdienst fand bisher in Kirchen und Pfarrgemeinden, also Gebäuden statt. Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke?

Gebäude wird es weiterhin brauchen. Soziale Netze ersetzen nicht die lebendige Gemeinschaft bei Gottesdiensten. Nach katholischem Verständnis ist das Entscheidende bei der Messfeier die Vergegenwärtigung von Jesu Christi Tod und Auferstehung. Das geht nicht über soziale Netzwerke. Deshalb bedarf es auch würdiger Räume, auch wenn sie noch so einfach und bescheiden sind.

Fotograf Franz Dilger; Copyright Dr. Notker Wolf

Wird sich die kulturelle und religiöse Bedeutung, die Glaubensgemeinschaften für Menschen seit jeher haben, durch die Digitalisierung verändern?

Das Netflix „VatiVision“ wird sich auch mit kulturellen Themen befassen. Kultur und Religion gehören zusammen. Wo Religion, dort Kultur. Das Dritte Reich hat wenig Kultur hervorgebracht, sondern viel zerstört, mehr noch die Kulturrevolution in China. Glaubensgemeinschaften sind Förderer der Kultur und Bewahrer der kulturellen Zeugnisse. Durch die Digitalisierung ist es möglich, die Kunst dem Betrachter auf einfache Weise näher zu bringen. Gemeinschaften brauchen als Ausdruck ihrer Identität Zeichen und Symbole. „Die Kirche muss im Dorf bleiben,“ lautet ein altes Prinzip. Genauso sind Synagogen und Moscheen vor Ort notwendig. Gebäude bilden den Kristallisationskern einer Glaubensgemeinschaft.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung bzw. die digitale Transformation unserer Gesellschaft auf das Design und die Ästhetik von Gotteshäusern?

Durch virtuelle Darstellungen kann man viel mehr Möglichkeiten zeigen und die Modelle von allen Seiten betrachten. Man kann am Design viel leichter modellieren. Zwei Dinge werden als Rahmenbedingungen feststehen: Es soll ein Gotteshaus sein, ein Haus der Anbetung und ein Versammlungsraum der Gemeinde für ihre gottesdienstlichen Feiern. Ob computererzeugte Werke als Kunstwerke anerkannt werden, wie beispielsweise das Glasfenster von Gerhard Richter im Kölner Dom, bestimmt der Mensch. Das Werk als solches ist noch kein Kunstwerk.

Führen, durch die Digitalisierung hervorgebrachte, neue Formen des Arbeitslebens und der Kommunikation zu gänzlich neuen Gebäude- und damit Lebens(gemeinschafts)formen?

Der Mensch braucht Gemeinschaft, auch beim Arbeiten. Dem schienen die offenen Büroräume zu entsprechen. Inzwischen merken wir aber, dass der Mensch auch Geborgenheit und Intimität benötigt. Ein offener Büroraum mag praktisch sein, aber der Mitarbeiter kann sich sich auch ständig kontrolliert fühlen. Der Mensch darf sich nicht in einem unüberschaubaren, großen Rahmen verloren fühlen. Es gibt auch die Grenze der Zahl, um effizient arbeiten zu können. Ich habe das Entwicklungszentrum von Google bei Zürich erlebt. Die Möglichkeit offener Kommunikation, eine Gruppe zu bilden, sich irgendwo an einen kleinen runden Tisch zu setzen und Kaffee zur trinken, wenn jemand eine neue Idee hat und sie mit andern austauschen zu können, finde ich kreativ. Weniger kreativ finde ich die totale Abgeschlossenheit von der Außenwelt. Sie erfolgte nur nachts mit dem Silicon-Valley. Es bedarf auch des Blicks nach draußen. Es wird auf das Unternehmen ankommen. Eine Schule, ein Krankenhaus in freier Natur lässt Menschen atmen. Selbst MitarbeiterInnen in einem Büro tut der Blick in die Natur gut.

Wird die Trennung von Räumen in getrennte Geschäfts- und Wohnräume, Kultur- und Begegnungsräume, Kirchen, Synagogen und Moscheen, wie wir sie kennen, verschwinden?

Das glaube ich nicht. Der Mensch braucht Koordinaten, feste Orte und feste Zeiten. Ein Schreibtisch ist kein Kantinenplatz. Begegnungsräume braucht es in großen Bürogebäuden, auch in Schulen und Krankenhäusern. Sie ersetzen weder Büro, noch Klassen- oder Krankenzimmer. Selbst in Wohnräumen, in den Stuben der alten Bauernhäuser gab es einen Herrgottswinkel. In Flughäfen gibt es heute Gottesdienst- oder Meditationsräume. Auf dem Flughafen von Fez verabschiedete sich mein muslimischer Chauffeur kurz und ging in einen Gebetsraum. Jeder Raum strahlt eine Atmosphäre aus. Wir sind Menschen, keine Computer oder Algorithmen. Wir gehen ganz bewusst in solche Räume. Selbst wenn ich die beste Stereoanlage habe, sie kann ein Live-Konzert einer Rockband im Olympiastadion in München nicht ersetzen. Kirchen, Synagogen und Moscheen gehören dorthin, wo die Menschen wohnen.

Lesen Sie hier den ersten Teil unserer Interviewreihe mit der Kuratorin Dr. Dan Xu, hier den zweiten Teil mit dem Architekten Gerhard Feldmeyer und hier das Interview mit der Kölner Künstlerin Johanna Reich.