Interview mit Dr. Dan Xu

Written on 16 Sep 2019

Freischaffende Künstler, Architekten oder Kuratoren müssen sich in einer immer digitaleren Welt neuen Herausforderungen stellen und ihr Handeln neu ausrichten. Im Rahmen der Expo Real möchten wir Ihnen anhand einer Interviewreihe mit ausgewählten Akteuren aus Kunst, Kultur und Wirtschaft die Wechselwirkung zwischen Kunst und Digitalisierung aufzeigen und Ihnen so die Möglichkeit eines Perspektivwechsels geben. Wir beginnen unsere Interviewreihe mit der Kuratorin für zeitgenössische Kunst Frau Dr. Dan Xu. Dan Xu ist promovierte Kunsthistorikerin und Expertin für zeitgenössische Kunst. Sie arbeitet als Kuratorin sowohl inhaltlich als auch organisatorisch an verschiedenen internationalen Ausstellungsprojekten. Mit Art Encounters hat Dan Xu ein junges Unternehmen gegründet, das den internationalen Kulturaustausch, insbesondere zwischen Europa und Asien, verfolgt. Neben den „klassischen“ Ausstellungsformaten entwickelt Sie gemeinsam mit Partnern neue, digitale Konzepte für den Kunstbetrieb.

Die digitale Transformation der Gesellschaft ist in aller Munde: Hat die Digitalisierung auch einen Einfluss auf Ihre Branche?

Auf jeden Fall. Die Digitalisierung beeinflusst nicht nur das private Leben, sie macht sich auch in meinem beruflichen Umfeld stark bemerkbar. Neben den Technologien, die jedes Büroleben erleichtern, sieht sich der klassische Kunstausstellungsbetrieb derzeit auch darüber hinaus einem stetigen, sehr schnellen Wandel unterzogen. Der physische Raum, der Kunst für den Betrachter bisher erfahrbar gemacht hat, rückt zunehmend in die digitale Welt. So gibt es bereits vollständige virtuelle Ausstellungen, die der Betrachter unmittelbar erleben kann, völlig losgelöst vom klassischen musealen Raum. Ausstellungen werden nicht nur am Computer geplant, sie werden hier direkt mit Hilfe digitaler Technologien umgesetzt und für den Betrachter virtuell erfahrbar gemacht, z.B. durch Virtual Reality (VR) oder Augmented Reality (AR).

 

„Die Vielfalt der Technologien bricht die bisherigen Grenzen auf und lässt neue Grenzen entstehen.“

 

Foto: Copyright Daniel Biskup

Ausstellungen alleine im virtuellen Raum? Das heißt die Branche befindet sich in einem Wandel?

In der Tat. Das Museum wird weiterhin zentraler Ausgangspunkt der Kunstvermittlung bleiben, jedoch werde ich schon jetzt zunehmend auf Alternativen zu den „klassischen“ Ausstellungsformaten angesprochen. Für die Kunstvermittlung ist das ein ganz neuer Ansatz. Ausstellungen könnten dadurch virtuell auf der ganzen Welt erfahrbar gemacht werden.

Welche Chancen ergeben sich für Künstler und kulturelle Institutionen durch die Digitalisierung?

Künstler thematisieren und reflektieren die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf soziale, politische und kulturelle Strukturen. Sie hinterfragen die neuen Technologien und versuchen sie einzuordnen. Dabei nähern sich die zeitgenössischen Künstler den Fragen der voranschreitenden Digitalisierung auf ganz neuen Wegen, sie nehmen unterschiedlichste Perspektiven wahr und können uns dadurch einen ganz anderen, neuartigen, Blick auf die digitale Transformation unserer Gesellschaft geben.

Gleichzeitig dienen die neuen Technologien als Medium und Werkzeug für ihr künstlerisches Schaffen. Es entstehen neue Möglichkeiten und Ansätze, die Kunstwerke beeinflussen oder ganz neuartige Kunstwerke entstehen lassen. Die Vielfalt der Technologien bricht die bisherigen Grenzen auf und lässt neue Grenzen entstehen. Auch eine Vermischung von Wissenschaft und Kunst ist aktuell vermehrt zu beobachten.

Museen und Galerien stehen nicht nur in der Ausstellungsplanung viele neue Möglichkeiten offen, gerade in den Bereichen der Museumspädagogik und Kunstvermittlung gibt es rasante Entwicklungen (Apps, Tablets, VR-Brillen, digitale Terminals und Mitmachstationen). Insgesamt lässt sich eine starke Tendenz betrachten hin zu Techniken, die den interaktiven Ansatz und immersive Erlebnisse befördern.

Das klingt spannend: Haben Sie Beispiele für uns?

Der japanische Künstler Ryoji Ikeda beispielsweise kann als ein Prototyp Künstler des technologischen Zeitalters bezeichnet werden. Er kreiert seine Arbeiten ausgehend von der physikalischen Grundlage der Kunst, setzt diese explizit im Bezug zu Daten und Datenfelder. Seine raumübergreifenden audiovisuellen Installationen verwandeln Primärdaten (die wir alle kennen wie Text, Sound, Fotos oder Filme) in binären Codes oder Muster und lässt den Betrachter buchstäblich in einer Infosphäre eintauchen.

Die Kölner Künstlerin Johanna Reich untersucht in ihrem Arbeiten die Beziehung zwischen Mensch und Maschine im digitalen Zeitalter. Mittels des Gesichtserkennungs-programms des Mobiltelefons versucht sie, aus Tonmasse Gesichter zu formen. Sobald das Programm den Ton als ein Gesicht erkennt, stoppt die Künstlerin den Formungsprozess. Wann erscheint etwas menschlich, was bedeutet menschlich überhaupt für eine Maschine? Das sind Fragen, die auf philosophische und ethische Dimensionen die digitale Transformation behandeln.

Oder das japanische Künstlerkollektive Teamlab, das aus Experten unterschiedlichen Disziplinen besteht (Künstler, Designer, Programmierer, Ingenieur, Webdesigner etc.), stellt ein interessantes Beispiel in Bezug auf Digitalisierung und Aufweichung bestehender Grenzen innerhalb der Kunstwelt dar. Team Lab betreibt in Tokyo ein ganzes Museum, wo man ihre interaktiven Installationen erleben kann. Durch ihren interdisziplinären und interaktiven Ansatz sind sie Künstler und Museum gleichzeitig und sind dabei, einen ganz neuen Ansatz von Kunst, Institution und Vermittlung zu erproben.

Was hat sich durch die Digitalisierung verändert in der Kunstwelt?

Die digitale Informationstechnologie ermöglicht in der Kunstwelt neue Kommunikations- und Vermittlungsformen. Sie bricht immer mehr die konventionellen, institutionellen Strukturen auf und führt zu mehr Transparenz einerseits, aber auch zu einem Überfluss an nicht qualifizierbaren Informationen, die langfristig keinen bleibenden Mehrwert schaffen.

Wie verändert die Digitalisierung unsere Vorstellung?

Die digitale Transformation gibt uns die Möglichkeit, die Welt durch neue Technologien zu erfahren, dadurch beeinflussen sie unsere Wahrnehmung, unsere Kommunikation und verändern letztlich unser Denken und Verhalten, unsere Perspektive auf die Welt. Die physische Welt und die virtuelle Welt nähern sich einander immer mehr an, technisch basierte Medien sind zu einer neuen Form von Realität geworden.

Welche Herausforderungen bringt die Digitalisierung mit sich?

Durch den perfektionierten Informationsfluss werden viele Daten zugänglich, was z.B. Recherchen und einen schnellen Briefwechsel durchaus erleichtert. Diese Verfügbarkeit von Informationen birgt jedoch auch Schwierigkeiten, wenn es beispielsweise um Urheberrechte und Copyrights von Bilddaten geht. Intelligente Programme und Maschinen sind bereits bzw. werden in der Lage sein, die bisher menschlich erschaffenen Kunstwerke, zumindest optisch ebenfalls hervorzubringen. Dies lässt Fragen nach Authentizität und Autorenschaft laut werden.

Analog vs. Digital: Können Maschinen irgendwann den Künstler ersetzen?

Es gibt bereits jetzt Kunstwerke, die mittels künstlicher Intelligenz von Robotern erstellt wurden. Diese werden bereits für horrende Summen auf dem Markt gehandelt. Dennoch glaube ich, dass Maschinen den Künstler nie ganz ersetzen können. Ein Kunstwerk zeugt doch immer von Kreativität und Gefühl, Zustände die sich eine Maschine nicht zu eigen machen kann. Wie der Wissenschaftler Max Tegmark in seinem Buch „Leben 3.0“ bereits anmerkte, befinde sich der Mensch sich vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung der künstlichen Intelligenz in einer Phase der neuen Selbstbestimmung. Vielleicht definieren wir uns nicht länger als Homo Sapiens, sondern als Homo Sentiens.

Lesen Sie hier Teil zwei unserer Interviewreihe mit dem Architekten Gerhard Feldmeyer.