Interview mit Johanna Reich

Written on 16 Oct 2019

Freischaffende Künstler, Architekten oder Kuratoren müssen sich in einer immer digitaleren Welt neuen Herausforderungen stellen und ihr Handeln neu ausrichten. Im Rahmen der Expo Real möchten wir Ihnen anhand einer Interviewreihe mit ausgewählten Akteuren aus Kunst, Kultur und Wirtschaft die Wechselwirkung zwischen Kunst und Digitalisierung aufzeigen und Ihnen so die Möglichkeit eines Perspektivwechsels geben.
Im dritten Teil unserer Interviewreihe haben wir mit der Künstlerin Johanna Reich gesprochen. In ihrem Interview erzählt sie uns über die Sehnsüchte der Menschen nach haptischen Werken und stellt sich die Frage nach dem Platz der Menschheit in einer digitalen Welt. Frau Reich lebt und arbeitet als Künstlerin in Köln, sie ist bekannt dafür in Ihren Werken eine Verschmelzung von zeitgenössischen Techniken, wie z.B. der Fotografie oder holografische Projektionen, und klassischen Künsten, wie der Arbeit mit Skulpturen, zu kombinieren.

Wird sich die kulturelle Bedeutung, die die Kunst für den Menschen seit jeher hat, durch die Digitalisierung verändern?

Ja, ganz sicher. Die kulturelle Bedeutung von Kunst ist seit jeher etwas Wandelbares gewesen. Blickt man in der Geschichte zurück, gab es z.B. den Auftragskünstler zu Hofe, der das Wertesystem der damaligen Gesellschaft spiegelte. Später, beeinflusst durch das Zeitalter der Aufklärung, entstand der Gedanke der Autonomie bzw. Freiheit der Kunst. Sich dieser Freiheit bewusst zu werden, ist aktuell vielleicht die wichtigste Funktion von Kunst in Anbetracht der Auswirkungen durch die Digitalisierung.
Im Strudel der Geschwindigkeit von technischen und gesellschaftlichen Veränderungen kann der Blick auf die Freiheit des Künstlers interessant werden, da er in erster Linie “unnützliche” Dinge macht, etwas erforscht und erschafft, das frei von Nutzen ist. Diese Freiheit bedeutet, Dinge, Zusammenhänge, Rollen oder gesellschaftliche Muster neu und ergebnisoffen zu betrachten. Ein Künstler denkt divergent. Konvergentes Denken führt – durch logische Schritte – zu EINER Lösung eines Problems, etwa einer mathematischen Aufgabe. Diese Art zu denken erfüllt die KI teilweise schon viel besser als der Mensch. Momentan geht es jedoch darum, Fragen zur Netzwerkphilosophie, Ethik von Bioengineering und KI oder die drängende Umweltthematik explosiv neu zu denken und zu agieren. In die Zukunft blickend hoffe ich, dass die Kraft dieses Freiheitsgedankens an Bedeutung gewinnen wird – und nicht umgekehrt.

„Ich hoffe, dass etwas von der wunderbaren menschlichen Unperfektheit, der Fähigkeit zu Träumen und dem im-Moment-sein-und-Staunen bleiben wird. "

 

Copyright Johanna Reich

Das Betrachten von Kunst fand bisher klassisch in Museen, Galerien, also Gebäuden statt. Verändert die Digitalisierung auch die Art und Weise wie wir Kunstwerke künftig betrachten und erleben werden?

Mit Blick auf die Kunstgeschichte der 60er, 70er Jahre würde ich dem mit einem Schmunzeln sofort widersprechen, da die Kunst ja schon seit Jahrzehnten aus den Elfenbeintürmen herausmarschiert ist und als Fluxusbewegung, Performancekunst oder Kunst im öffentlichen Raum andere Orte erobert hat. Aber es stimmt natürlich: In den Möglichkeiten der Digitalisierung liegt eine große Chance, nicht nur andere Räume einzunehmen, sondern auch Kunst mit einer geringeren Hemmschwelle und weniger elitär zu rezipieren und so neue Menschen zu begeistern. Mit meinen Studierenden haben wir z.B. im letzten Jahr bei der langen Nacht der Museen in Münster im Außenraum und im Innenhof des Museums als Guerilla-Aktion per AR unerlaubt künstlerische Arbeiten der Studieren platziert, die sich dann per App anschauen ließen. Was viele neue Fragen aufwirft: Kann man realen noch vom digitalen Raum trennen? Wem gehört welcher Bereich des öffentlichen Raums? Wem gehört das Kunstwerk und wie lange ist es präsent? Nimmt man das Kunstwerk mit nach Hause, da man es per App installiert hat? Viele Menschen sehen sich Kunst auch über soziale Netzwerke an. Ich treffe auf Eröffnungen auch immer wieder mit Menschen zusammen, die meine Arbeiten über Instagram entdeckt haben und nicht unbedingt aus dem Kunstkontext stammen, diese Öffnung finde ich sehr bereichernd.

Leben wir bald sogar in „digitalen Kunstwerken“?

Eine gute Frage – sie zeigt nämlich, dass in unserem Denken die Trennung von digital und analog noch vorhanden ist, obwohl wir technisch längst in eine andere Richtung schreiten. Der Mensch hat eine Sehnsucht nach dem Haptischen: Betrachten wir unsere immer smarter werdende Umgebung, so sehen wir, dass das “Digitale” und das “Analoge” schon untrennbar miteinander verbunden sind. Der Staubsaugerroboter ist ein analoges Gerät mit digitalen Eigenschaften. Das Digitale wird immer weniger sichtbar sein, das Internet, wie wir es heute kennen, wird verschwinden und wie ein Herzschlag in unserer Umwelt und allen Dingen pulsieren.
In meinen Arbeiten interessiert mich sehr, wie wir diese Veränderungen verstehen oder vielleicht selbst gestalten können: Der Mensch ist im Gegensatz zu der unendlichen Reproduzierbarkeit von Daten (noch) analog, er hat einen Körper, er ist individuell. Sehr gut sieht man dies an der Handschrift eines Menschen, sie trägt einen einzigartigen Charakter. Als Folge der Digitalisierung und der zunehmenden Verwendung von Computern, Touchscreens und smarten Geräten, die nur noch durch Sprache gesteuert werden, verändert sich jedoch unsere Schreibmotorik. Die Kulturtechnik der Handschrift verschwindet immer stärker aus unserem Alltag.
In meiner Arbeit Decrypt untersuche ich die Wechselwirkung des Kreislaufs von Analog und Digital. Ausgangspunkt des Projekts ist die Fotografie eines weißen Blattes, das ich mit dem Handy aufgenommen habe. Am Computer dargestellt ergibt sich daraus ein 40-seitiger Textcode aus Zahlen, Buchstaben, Satz- und Sonderzeichen, der das digitale Foto beschreibt. Die 40 Seiten habe ich an 40 verschiedene Personen verteilt und sie gebeten, je eine Seite des Codes in ihrer Handschrift abzuschreiben. Die 40 handgeschriebenen Seiten wurden mit Hilfe einer Handschrifterkennungssoftware (Optical Character Recognition) in den Computer eingelesen. Durch die beim Einlesen entstandenen Fehler wurde aus dem weißen Blatt ein buntes Gemeinschaftswerk mit farbigen Verläufen und Pixeln generiert. Ich vermute also, dass wir weniger in digitalen Kunstwerken wie z.B. VR-Kosmen leben werden, sondern dass das Digitale als Pulsschlag in der Kunst existent sein wird.



Weitere Impressionen aus ihrem Projekt DECRYPT finden Sie hier; Copyright Johanna Reich

Werden herkömmliche Kunstmedien, wie Malerei oder Skulptur, durch die Digitalisierung verschwinden?

Ich antworte mal mit einer Gegenfrage: Wie lange wird es noch den Kunst rezipierenden Menschen geben, der sich für Malerei oder Skulptur interessiert? Solange es den Menschen geben wird, werden auch Malerei oder Skulptur bestehen bleiben – beide erneuern sich ständig, werden durch digitale (oder andere) Ebenen erweitert. Ich selbst arbeite z.B. gerade sehr viel mit der Kombination von Projektion, AR und Malerei: Ich sehe an mir selbst aufgrund der stundenlangen Beschäftigung im Netz eine tiefe Sehnsucht nach dem Haptischen wachsen, so dass ich begonnen habe, mit Öl auf Leinwand zu malen und darauf zu projizieren. Aber wie wird sich der Mensch durch Neurokapitalismus, Bioengineering etc. verändern? Ich hoffe, dass etwas von der wunderbaren menschlichen Unperfektheit, der Fähigkeit zu Träumen und dem im-Moment-sein-und-Staunen bleiben wird.

Ist in der digitalen Welt noch Platz für den Künstler/die Künstlerin?

Hier möchte ich direkt wieder mit einer Frage anschließen, denn ich glaube, wir müssen solche Dinge als Gesellschaft gemeinsam diskutieren. Die eigentliche – existentielle – Frage scheint mir eine andere: Ist in der digitalen Welt noch Platz für den Menschen?

Lesen Sie hier den ersten Teil unserer Interviewreihe mit der Kuratorin Dr. Dan Xu und hier den zweiten Teil mit dem Architekten Gerhard Feldmeyer.